LINIE · FARBE · BEWEGUNG

Beginnend mit der Serie „Transfigurationen“, deren Einzelbilder formale Neuinterpretationen von Werken verschiedener Künstler (Egon Schiele, Pablo Picasso, Nicola de Staël, Helmut Federle und anderen) darstellen, widmet sich Franz Stefan Kohl in seiner Malerei der Verwirklichung bildnerischer Konzepte, die jeweils auf eine spezifische geometrische Anordnung von Farbflächen abzielen.

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Die daraus resultierende Ästhetik erinnert an jene, die gemeinhin mit der konstruktiven bzw. konkreten Kunst des 20. Jahrhunderts assoziiert wird. Obwohl einige Vertreter dieser Vätergeneration tatsächlich zu Kohls wichtigsten Vorbildern zählen, unterscheidet sich sein künstlerischer Ansatz vor allem in ideologischer Hinsicht doch grundlegend. War die klassische konkrete Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der Überwindung des individuellen Gestus zugunsten einer zwingenden bildnerischen Logik gekennzeichnet, was in zahlreichen theoretischen Schriften Niederschlag fand, so haben sich ihre doktrinären Prinzipien im Laufe von Generationen verflüchtigt. Die Sprache der Geometrie ist also längst zu einer selbstverständlichen visuellen Ausdrucksmöglichkeit geworden, bei der es weder um die Veranschaulichung rationaler Gesetzmäßigkeiten noch um eine programmatische oder stilistische Festlegung geht, sondern um das Anverwandeln einer Tradition ohne unmittelbaren Innovationszwang. Worauf es nunmehr ankommt, ist weniger die dogmatische Visualisierung eines streng konzeptuellen Denkens als vielmehr die stimmige Umsetzung eines subjektiven und durchaus emotional geprägten Kunstwollens mittels geometrischer Elementarformen.

Für Franz Stefan Kohl sind daher die sinnlichen Eigenschaften des Bildträgers und der Farben – er arbeitet bevorzugt auf ungrundierter Leinwand oder Baumwollstoff – von mindestens ebenso großer Bedeutung wie die geistigen Bildideen, die es zu realisieren gilt. Das eine bedingt gewissermaßen das andere, wobei die Wahl des Darstellungsmodus grundsätzlich offen bleibt und von Bildzyklus zu Bildzyklus variiert. Es sind verschiedene, oft durch Musikstücke oder Werke anderer Künstler inspirierte und laufend in Skizzenbüchern festgehaltene Themen bzw. Problemstellungen wie Rhythmus, Proportion oder optische Spannungszustände, die er durch das Ausloten des geometrischen Formenpotentials eigenständig und frei von jeglichem Eklektizismus malerisch zu bewältigen trachtet. Die Ausführung selbst, die dem Künstler absolute Konzentration abverlangt, kommt einem kontemplativen Akt gleich, der bis zu einem gewissen Grad auch die Wirkung der Bilder auf den Betrachter mitbestimmt.

Alexandra Schantl, Kunsthistorikerin

AUSGANGSPUNKT · ZEITLINIE · SCHNITTFLÄCHE

Franz Stefan Kohl fasst seine Arbeiten aus dem Jahr 2005/06 in diesem Katalog unter dem Begriff „neo geo” zusammen. Die kunstgeschichtlichen Resonanzen reichen tief bis in die Anfänge des 20. Jhdts zurück, an die konkrete Kunst bei Josef Albers und das Bauhaus, die russische Avantgarde, etwa Kandinskys Befreiung der Farbe von der Dingbezeichnung oder Malewitschs Reduktion der Form auf den gegenstandslosen Bildausdruck im Suprematismus; aber auch in der Gegenbewegung zum Wiener Aktionismus, der konzeptuellgeometrischen Malerei von Zobernig, Rockenschaub und Federle sieht der Künstler seine Wurzeln. Er spricht weiters von einer starken Affinität zur Architektur.

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Das intensive theoretische Studium seiner Vorbilder findet man bei Kohl in der vielschichtigen Umsetzung seiner Arbeiten konkretisiert. Das reicht tief in das Erfassen der grundlegenden Voraussetzungen künstlerischen Schaffens hinein, und beginnt sich von der Ebene der handwerklichen Perfektion im eigentlichen Sinn aus zu entfalten. Franz Stefan Kohl bezeichnet sich deshalb gerne als Bildermacher. Für ihn gehören Material, Technik und genaueste Verarbeitung zu dem durchgestalteten Gesamtkonzept seiner Bilder. Die Arbeiten sind alle auf einem einheitlichen Bildträger aufgebracht, Holzfaserplatte, Filz und grobes Leinengewebe, damit die angestrebten Formen exakt voneinander abzugrenzen sind. Auch der Eigenbau der Schattenfugenrahmen gehört dazu, ist doch der Rahmen die Brücke des Bildes zum Raum und vermittelt erst dessen Wirkung nach außen in der Fläche und im Raum. So nähern sich die Bilder Kohls durch die abgestimmte Komposition dem Objektstatus.

Die vorliegende Präsentation steckt einen Entwicklungszeitraum seines künstlerischen Schaffens ab, der thematisch klar umrissen bleibt und doch die Akzente der daraus folgenden Schritte bereits anklingen lässt, etwa in der Auseinandersetzung mit dem verzeitlichten Raum als Musik. Durch die entsprechende Entgrenzung musikalischer Konzepte in der strukturierten räumlichen Metapher, wird sich Kohl in Zukunft wohl noch stärker in seiner spezifischen Sprache ausdrücken. Die erste unmittelbare Wahrnehmung der komponierten Farbfelder, sie stehen scheinbar für sich, gleitet wie von selbst in die Auseinandersetzung der einzelnen Formen zueinander hinüber, und der anfängliche absichtslose Blick kippt in den komplexen Dialog der Bildmomente hinein.

Obwohl Kohl, außer bei den explizit thematischen Arbeiten, übergeordnete Bildideen ablehnt, treten perspektivische Momente in der Wechselwirkung der Farbfelder und deren Positionierung zueinander in Erscheinung, es drängt sich wie von selbst eine tiefe räumliche Komposition auf. Kohl versteht es durch sein ausgeprägtes Farbgefühl, das für ihn ein Ausdruck seines musikalischen Gespürs ist, beide Wege offen zu halten, die reine Betrachtung und den wirkungsvollen Dialog.

Leo Hemetsberger, Philosoph
Erstmals erschienen in „neo geo”, Wien 2006